Kirchgemeinde Röschenz

> Home

> News

> Dokumente

> Essays

> Impulse

> Links

> Kontakt

> Impressum


St.Anna



> Pfarrblatt


Röschenz: Bereitschaft zur Kritikfähigkeit und zur Veränderung

von Michael Bamberger

Die Fähigkeit zur Kritik und zur Selbstkritik ist eine der Grundlagen der Freiheit und je freier die Menschen sind, desto weniger Fieber hat die Welt. Wenn wir erkannt haben, dass nicht unsere Erkenntnis das Leben bestimmt, sondern, dass das Leben unsere Erkenntnis bestimmt, erst dann können wir den Weg zu unserer Freiheit finden. Leider bringen erfahrungsgemäss viel zu wenig Menschen, Regierungen und Institutionen die notwendige Einsicht und den notwendigen Mut hierzu auf.

Stefan Zweig schrieb einmal zum Thema der menschlichen Freiheit und des damit verbundenen Glücks folgenden Satz: „Wer einmal zu sich selbst gefunden hat, der kann nichts auf dieser Welt mehr verlieren.“ Fast 2500 Jahre vor ihm sprach Sokrates wie folgt über die Selbstkritik: „Wer glaubt etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden.“ Widersprechen sich diese beiden Sätze, wie es beim ersten Hinschauen den Anschein macht? Ich meine, die Sätze widersprechen sich nicht im geringsten, nein im Gegenteil, sie ergänzen sich sogar vortrefflich, denn ausgerüstet mit dem Mut zur Kritik, zur Selbstkritik und zur Veränderung, liegt unsere Chance in der Bewegung der Dinge die wir selber bewegen. Alles Streben nach Veränderung der Menschheit zum Besseren bleibt aber eitle Illusion, solange der Mensch sich nicht in seinem Inneren verändert. Wenn wir etwas ändern wollen, sollten wir nie in der absurden Hoffnung verweilen, dass alles beim Alten bleibt. Wenn die Menschen die Probleme der Welt lösen wollen, dürfen sie nicht dasselbe Denken zur Anwendung bringen, welches die zu lösenden Probleme ursprünglich kreiert hat. Darum sind neue Gedanken vonnöten, um heute schon das zu tun, was morgen erst gedacht wird.

Will der Mensch ernsthafte und aufrichtige Beobachtungen anstellen, um Neues zu entdecken, muss er eine Spielernatur, ja ein Narr sein, er muss nämlich bereit sein bedingungslos zu spekulieren. Und will der Mensch etwas auf dieser Welt bewegen, darf er keine Angst davor haben, ein waschechter Gaukler zu sein und auch dafür als Clown verspottet zu werden. Vor der Zukunft fürchten sich die Ängstlichen, weil für sie die Zukunft nur Ungewissheit bedeutet, während die Zukunft für die Mutigen nicht Ungewissheit sondern eine Chance darstellt. Die Menschengeschichte ist wie eine Strassenlampe; der Kurzsichtige hält sich an ihr fest, dem Vernünftigen leuchtet sie den Weg.

Die Menschen haben sehr viel Talent wenn es darum geht, zwischen gut und böse und zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, da ihre angewandten Regeln immer mit ihren eigenen Wünschen übereinstimmen. Wieviel mehr Güte wäre in dieser Welt, wenn das Böse nie im Namen des Guten missbraucht würde. Man bedenke: noch nie hat ein brennender Scheiterhaufen den Menschen den Weg erleuchtet. Die Mauer, die sich vor uns erhebt besteht aus Steinen der Ideologie. Die Tatenlosigkeit der Menschen ist das Fundament der Tyrannei, die Unwissenheit der Menschen ist das Fundament der selbstherrlichen Altäre. Während die Wahrheit selbständig aufrecht steht, ruft die Lüge nach der Stütze der Autorität. Autoritätsgeschwafel, besonders wenn es in hoffähigen Roben daher kommt, erweckt Ehrfurcht und Bewunderung bei den leichtgläubigen Menschen. Welch Tragikomödie ist es, wie die Menschen sich bemühen, den Tatsachen ihre Hoffnungen aufzuzwingen anstatt ihre Hoffnungen den Tatsachen anzupassen. Viele Menschen umarmen mit andächtig geschlossenen Augen all ihre Hoffnungen; als sie ihre Augen aber wieder öffnen wollen, sind sie vielmals bereits schon tot.

Nur wessen Leben keinen Sinn macht, fragt nach dem Sinn des Lebens. Dürftig also sinnt der Mensch, der nach dem Wert des Lebens fragt, denn unser Leben hat nur soviel Sinn, wie wir ihm selbst zu geben vermögen. Uns sollte dabei der Humor immer ein beständiger und treuer Begleiter sein, sowie immer auch eine gesunde Portion Bescheidenheit und zwar allemal Hand in Hand mit unserer Einsicht, dass wir uns selber dabei nie so schrecklich ernst nehmen sollten, denn nur der Narr hält sich für weise, aber der Weise weiss, dass er ein Narr ist.

Unsere immer tiefere Einsicht in das Universum führt uns zur Erkenntnis, dass unser Dasein eine völlig unbedeutende Interimsphase darstellt. Die fortschreitende Öffnung unseres astrophysikalischen Gesichtspunkts sollte uns eigentlich helfen, unseren Hochmut in Schranken zu weisen. Höher als der Verstand ist der Zweifel, denn ohne Zweifel gibt es keinen Fortschritt. Ein Verstand der nicht mehr zweifelt ist kein Verstand mehr. Es sind die Zweifel, die die Menschen vereinen, ihre Überzeugungen aber trennen sie. So sind die besten Freunde unserer Weisheit immer nur die Fragen, die wir stellen. Weise Menschen sind im Besitz von Ideen, einfältige Menschen sind von Ideen besessen.

Den Versuch eine gefährdete Spezis zu werden, hat die Menschheit schon sehr oft unternommen. Anders denken und handeln sollten wir heute und in Zukunft, um ein bisschen weniger gefährdet sein. Unser Weg ist der Richtige wenn er Handlungsmöglichkeiten erweitert, wenn er Prognosen ermöglicht und wenn er Probleme löst. Tradition darf auf dem Weg keine Notwendigkeit darstellen, da es keine einzig richtige Methode gibt. Je besser wir ein Problem kennen, desto leichter finden wir die Lösung und oft ist die richtige Problemstellung schon mehr als die halbe Lösung. Unsere Handlungen sind dann ethisch, wenn sie der Permanenz des Lebens Rechnung tragen.

Die Rettung des Menschen ist die aufrichtige Verständigung der gesamten Menschheit, die im Herzen eines jedes einzelnen Menschen beginnt. So sollten wir all unser Tun auf die Verantwortung gegenüber allen Mitmenschen und der Natur, sowie auf unseren Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität für die kommenden Generationen ausrichten. Wenn Liebe und Mitgefühl die zentralen Werte der Menschen werden, ausgedrückt durch ein warmes Herz und durch ein Lächeln, dann ist Röschenz, dann sind alle Menschen dieser Welt auf dem goldrichtigen Weg.

Es grüsst ganz herzlich,

Michael „Horatio“ Bamberger

Michael Bamberger (57), Kaufmann, in Schweden als Sohn Jüdischer, beziehungsweise Christlicher Eltern geboren; lebte und arbeitete nach der Ausbildung in der Schweiz in New York und in London. Heute lebt er mit seiner Lebensgefährtin in der Innerschweiz, wo er arbeitet, malt und schreibt.

  copyright © 2006 Holger Wahl, Röschenz - All rights reserved.