Kirchgemeinde Röschenz

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St.Anna



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Zu Befehl, Herr Bischof?

von Roland Hinnen

Ende Oktober vergangenen Jahres hat die Synode (Parlament) der römisch-katholischen Landeskirche Baselland ihrem Landeskirchenrat (Exekutive) den Auftrag erteilt, rechtlich zu überprüfen, ob die Kirchgemeinde Röschenz verpflichtet ist, den bischöflichen Befehl zur Entlassung ihres Pfarradministrators zu vollziehen. Der Bischof hat ja dem Kirchgemeinderat seine Gründe zum Entzug der Missio (bischöfliche Sendung zu einer Aufgabe) und später zur Suspension (Verbot, das Priesteramt auszuüben) bisher nie genannt. Unfähigkeit zur Seelsorge und Pädophilie kann es nicht sein: Der Personalverantwortliche der Diözese Basel hat seine uneingeschränkte Eignung als Seelsorger bestätigt und die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt in Kenntnis aller Unterlagen die Missbrauchsvorwürfe in Abrede gestellt. Der Generalvikar hat zudem ausdrücklich betont, das Verfahren bei der Staatsanwaltschaft und die psychiatrischen Abklärungen seien für die Strafen nicht massgebend gewesen. Bis heute beteuert der Bischof, die eigentlichen Gründe für sein Vorgehen und seinen Entscheid seien noch gar nicht auf den Tisch gekommen (der Vorwurf Mobbing sei „eine infame und ungeheure Verleumdung“). Weil er dazu vom Betroffenen die Befreiung von der Schweigepflicht verlangt, können sie nur in der Person oder der Biographie Sabos liegen. Weder Sabo noch seine vertraute Umgebung können sich aber vorstellen, um was es sich denn noch handeln könnte.

Keine Nebensächlichkeit! Der Landeskirchenrat ziert sich mit seinem Entscheid. Liesse Pfarradministrator Sabo sich drängen, von sich aus die Amtsenthebung zu akzeptieren, fiele das für Landeskirche und Bischof gleicherweise lästige Problem von selbst aus Traktanden. Der Konflikt Röschenz ist aber nicht bloss widerliches und ärgerliches, geradezu verbissenes Gezänk, sondern von exemplarischer Bedeutung für das hiesige Verhältnis von Kirche und Staat (Landeskirchen). Die Herbert Haag-Stiftung hat die Gewichte richtig verteilt: Sie hat die Kirchgemeinde ausgezeichnet, nicht Franz Sabo. Das grundsätzliche Problem, um das zu streiten sich lohnt, ist ja erst durch die unbegründeten Strafmassnahmen des Bischofs entstanden. Der Konflikt Röschenz bringt unerwartet die Unverträglichkeit zwischen absolutistischer Feudalherrschaft und demokratisch-menschenrechtlicher Verfassung ans Tageslicht. Ob die Gremien der Baselbieter Landeskirche diese Signifikanz erkannt haben? Über welchen Hebel sie verfügen, um in der katholischen Kirche der Schweiz wenigstens winzige Reformen in Richtung Menschenrechte anzustossen?

Die Römische Kirche ist heute noch – genauso wie der Staat Vatikan – nach dem Modell einer absolutistischen Monarchie konzipiert: ein einsames Überbleibsel aus der Zeit vor der Französischen Revolution, dafür aber mit Dogma betoniert. Einzig der Papst hat das Sagen, die Bistümer und Pfarreien werden als Verwaltungsbezirke der Machtzentrale verstanden, die Bischöfe als blosse Statthalter, die Pfarrer als Statthalter der Statthalter, das Volk als brave, unbedarfte, Nutzen bringende Schafsherde, die straffe Führung nötig hat. Es gibt keine Gewaltentrennung in Legislative, Exekutive und Judikative, erst recht keine Verwaltungsgerichtsbarkeit: Alle Wege führen unweigerlich letztlich nach Rom, zum Papst, der nicht einmal an seine eigenen Gesetze gebunden ist. Weder der Vatikanstaat noch die Römische Kirche haben sich der Menschenrechtskonvention verpflichtet und unterstellt. Wie weit eine solche Kirchenstruktur vom Evangelium entfernt ist, weiss jeder, der sich auch nur ein wenig im Urchristentum auskennt.

Die antikonziliäre Wende

Im 19. Jahrhundert tobten auch bei uns heftige Kämpfe zwischen Staat und Kirche um die Freiheit der Katholiken. Die Solothurner Bistumsleitung sieht den Röschenzer Konflikt offensichtlich immer noch mit der Brille dieses Kulturkampfes, wo Staat und nicht-traditionalisti­sche Katholiken unbesehen als Kirchenfeinde galten. Wegen der Menschenfreundlichkeit des 2. Vatikanischen Konzils und entsprechenden Reformbischöfen entstand in unserem Land zwischen Staat und Kirche ein Verhältnis gegenseitigen Vertrauens und Wohlwollens; auftretende Probleme und Anliegen liessen sich in verständiger Absprache regeln. Deshalb gehen die landeskirchlichen Verfassungen etwas naiv und vertrauensselig von der Annahme aus, unsere Bischöfe würden von ihrer demokratischen Herkunft her bei ihren Entscheiden - trotz absolutistischem Papstrecht - ohnehin die Menschenrechte und die demokratischen Minimalanforderungen einhalten. Nicht im Traum dachte man daran, diese wohlwollende Zusammenarbeit könnte einmal bös ins Straucheln kommen.

Nachdem die Reform des II. Vatikanischen Konzils nunmehr definitiv erstickt ist, müssen die Landeskirchen mit absolutistisch gesinnten Bischöfen rechnen, die, durch Papsteid eingebunden, in ihrem Bereich wieder linientreu das ancien régime durchzudrücken versuchen. Daher stellt sich die Grundfrage: Dürfen Landeskirche und Kirchgemeinden, die auf dem Boden unserer Bundes- und Kantonsverfassungen aufruhen, unbesehen Befehle ausführen, welche ihnen der Bischof erteilt? Dürfen sie sich zu Handlangern eines absolutistischen Systems machen, das sich z.B. um die Menschenrechte foutiert? Ist es nicht Pflicht eines Kirchgemeinderates, sich selber gewissenhaft ein Urteil zu bilden, ob der Bischof die notwendigen Bedingungen eingehalten hat, bevor er dessen Anordnung vollzieht?

Entweder – oder

Weil die Landeskirchen und die Kirchgemeinden auf der rechtsstaatlichen Verfassung fussen, dürfen ihre Gremien keine Schritte gehen, die nicht von diesem Recht gedeckt sind. Als Alternative könnten die Schweizer Katholiken allerdings künftig auf die staatliche Anerkennung ihrer Kirchgemeinden und Landeskirchen verzichten (womit diese verschwinden würden). Die Amtskirche verlöre dann aber auch die Steuereinnahmen, mit denen nicht nur die zahlreichen Bauten unterhalten, sondern auch das gesamte Seelsorgepersonal (auch der ständig wachsende Verwaltungsapparat) besoldet wird. Unsere Bistümer und Pfarreien wären dann darauf angewiesen, ihre Funktionstüchtigkeit ausschliesslich mit Sponsoring und Kollekten aufrecht zu erhalten. Ob das unseren Bischöfen behagt?

Kein vernünftiger Katholik wird zustimmen, dass die Kirche, auch die Amtskirche, vom Staat bevormundet wird („Verstaatlichung der Kirche“). Wenn aber der Bischof den staatskirchlichen Gremien Weisungen erteilt, müssen sie die Grundvoraussetzungen staatlichen Handelns erfüllen, besonders die Menschenrechte. Wenn die Verfassung der Baselbieter Landeskirche festhält: „In innerkirchlichen Belangen anerkennen Landeskirche und Kirchgemeinden die Lehre und die Rechtsordnung der römisch-katholischen Kirche“, setzt das selbstverständlich voraus, dass diese kirchliche Rechtsordnung die elementaren Standards jedes zivilisierten Staates vorbildlich einhält. Es wäre ein erwünschter Anschub der Kirche in Richtung Menschenfreundlichkeit, wenn im Streitfall Röschenz schliesslich sogar das Bundesgericht in einem Grundsatz-Entscheid diese Bedingung ausdrücklich feststellen müsste.



Roland Hinnen

Roland Hinnen (71), kath. Theologe, war 18 Jahre lang in der Seelsorge tätig, davon 9 Jahre als Pfarrer. Darnach liess er sich zum Diplompsychologen/Berufsberater IAP umschulen und arbeitete 13 Jahre als IV-Berufsberater.

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