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Eine kurze Zeitreise

von Michael Bamberger

Wohlweislich beobachtete Immanuel Kant (1724-1804) in seiner Abhandlung - Welches sind die wirklichen Fortschritte? -: "Sowenig sich die Sonne um die Erde dreht, sowenig dreht sich die Erkenntnis um die Dinge an sich selbst. Die Erde dreht sich um die Sonne und die Dinge drehen sich um die Vernunft."

Genau so wenig wie die Sonne um die Erde kreist, und, wenn wir unsere Augen öffnen und unseren Verstand anwenden, ist es ein Ding der Unmöglichkeit, den gesunden Menschenverstand davon überzeugen zu wollen, dass z.B. der Kreationismus die Ursache des Lebens sein sollte. Die aktuelle wissenschaftliche Erkenntnislage zur Evolution, zurückgehend auf die inzwischen tausendfach bestätigten Theorien Charles Darwins, ist derart überwältigend, dass nur die Flammen eines bischöflich oder päpstlich gesegneten Scheiterhaufens unseren Aufschrei der Empörung über solch unwissenschaftlichen Aberglauben wie Kreationismus oder "intelligent Design" - wie es heute oft genannt wird - zu ersticken in der Lage wären. Wer die Natur richtig betrachtet und analysiert, kommt nur zu einem Schluss: alles ist Evolution. Genau dasselbe Prinzip lässt sich kongruent auf die "unumstössliche Autorität der Kirche" im Verhältnis zur Wahrheit der grundlegenden Bedürfnisse der Lebewesen und den fundamentalen Menschenrechten aller Erdbewohner ableiten. Dass die Wahrheit nicht eine Tochter der Autorität, sondern immer nur eine Tochter der Zeit war, ist und immer sein wird, leuchtet jedem Menschen ein, dem auch nur ein winziges Quäntchen Geschichtsverständnis inne ist.

Als äusserst unwesentlich fortgeschrittene Affen auf einem mehr als nebensächlichen Planeten am Rande der Belanglosigkeit, tendierten fast alle Mitglieder der Spezis Homo sapiens tausende von Jahren lang zum Glauben, dass sie sich im Zentrum des Universums befänden. Viele glauben heute immer noch felsenfest daran genau dort zu sein, spezielle jene, deren Lehre auf dem Prinzip "ausserhalb der Kirche kein Heil" beruht. Jahrhunderte lang haben viele Menschen das Weltall so zusammengequetscht, dass es in ihrem Gehirn Platz fand und ihrem geozentrischen Glauben entsprach. Daran hat sich bis heute bei vielen Menschen leider nicht viel geändert. Das einzige Tier, das seinen nächsten liebt wie sich selbst, ist der Mensch. Wählt aber dieser Mensch eine andere Gottheit, schlägt ihm jener Mensch den Kopf ab. So gesehen haben die Tiere grosses Glück, dass sie keine Menschen sind.

Als die Menschen anfingen aufrecht zu gehen und die ersten Schritte zur Erkenntnis und Selbsterkenntnis zu entwickeln, kamen Ängste und Fragen auf. Als Antwort der Menschen auf ihre Leiden, aus Angst vor den Naturgewalten und Naturerscheinungen und als Erklärungen auf alle Fragen, auf die sie keine Antworten wussten, haben die Menschen in ihren Köpfen ihre Wünsche und ihre wildesten Fantasiebilder zu Göttern und Götzen umgewandelt. Gott wäre demnach eine vom Menschen erdachte Hypothese bei dem Versuch, mit dem Problem der Existenz fertig zu werden. Dieses Phänomen wirkt mannigfach heute weiter. Im Laufe der Zeit hat sich der "primitive" Glauben aber insofern entwickelt und geändert, dass die ursprünglich individuell orientierten Glaubensströmungen durch die sich etablierenden Religionen sukzessiv methodisiert, dogmatisiert und zu gewaltigen Machtinstrumenten zum Selbstzweck und zum eigenen Nutzen umfunktioniert wurden.

Die Angst ist die Alma Mater des Aberglaubens und der Grausamkeit und so verfolgen die Menschen jene Dinge mit Akribie, vor denen sie am meisten Angst haben. Die Religionen stützen sich vor allem und hauptsächlich auf die Angst. So lange der Geist nicht absolut frei ist von Angst, bringt jede Form des Handelns noch mehr Übel, noch mehr Elend und Verwirrung. Unsere Angst ist nicht nur blind, unsere Angst macht uns blind. Es gibt kein grösseres Glück für den Menschen, als die Angst durch die Freiheit seines Seins und durch die Freiheit des Denkens zu besiegen. Es gibt hingegen nichts Armseligeres und Beklagenswerteres als ein Mensch, der sein Leben und Handeln nach der Angst auf eine Bestrafung, oder nach der Hoffnung auf eine Belohnung nach dem Tod ausrichtet.

Begrenztheit, ja Grenzen generell sind nichts als Ausdruck menschlicher Angst. Die Natur kennt keine Grenzen, nur der Mensch tendiert dazu viel zu viele Mauern zu bauen und viel zuwenig Brücken. Ohne Angst haben weder unsere Gedanken noch unsere Gefühle Grenzen. Nur die Angst vor uns selber lässt uns unser Glück in der Ferne suchen, blind gegenüber dem Guten und dem Schönen in unserer unmittelbaren und greifbaren Nähe.

Die Geschichte ist der beste Beweis dafür, wie verderblich für das Bestreben der Verbrüderung aller Menschen es ist, wenn die Menschen ihren eigenen Aberglauben für den einzig wahren halten. Die grausame Blutspur der Folgen des alleinigen Wahrheitsanspruchs zieht sich unverkennbar durch die Menschengeschichte. Jede dogmatische Religion weist nämlich haarscharf in eine Richtung, unter statuarischem Ausschluss aller möglichen anderen Richtungen. Welch traurige Erkenntnis ist er, dass die meisten Todesopfer im Laufe der Menschengeschichte die so genannten "Wahrheiten" zu verantworten haben und so war und ist der Mensch immer das Opfer seiner eigenen Wahrheiten gewesen.

Um einen kleinen Beitrag zum Fortschritt der Menschheit zu leisten, sollten die dogmatischen Weltreligionen sich in die, auf sie wartenden Vitrinen im Weltmuseum der Religionen setzen. So wären sie dann mit ihren Mythen, Göttern, Halbgöttern, Propheten, Sehern, Himmeln, Teufeln und Höllen in vorzüglicher Gesellschaft, umgeben von den versteinerten Göttern der Religionen Mesopotamiens, Ägyptens, Griechenlands, Roms und noch vielen, vielen mehr. Nie sollten wir vergessen, dass alle Götter immer absolut und unanfechtbar unsterblich waren!

Unsinn und Albernheit haben ihren festen Platz in den Satzungen der Religionen, die die "alleinige Wahrheit" für sich gepachtet haben wollen. Herrschen können die Religionen aber nur, wenn die einfältigen Massen ducken und sich beherrschen lassen. Nichts fürchten diese ausgrenzenden Religionen mehr, als zunehmende menschliche Erkenntnis und die Aufklärung der Massen. Die Menschheit hat in der Erkenntniswelt grosse Schritte getan, im Vergleich zu ihrem Ausgangspunkt; winzige Schritte sind es aber nur, im Vergleich zu dem, was noch zu entdecken und zu erkennen bleibt. Es bleibt unbestritten, dass es eine riesige Zahl von Dingen gibt, die über unsere Erkenntnis hinausreichen. Dies alles ist aber noch lange kein Grund, unsere fehlende Erkenntnis der Dinge durch Unvernunft erklären zu wollen, oder diese Unvernunft als eine alles andere ausschliessende Glaubenswahrheit zu proklamieren.

Das grösste Hindernis auf dem Weg zur Verständigung der Menschheit dieser Welt ist die Unterteilung in "wir die Rechtgläubigen" und "sie die Andersgläubigen". Und gerade diese Xenophobie posaunen insbesondere die Weltreligionen durch ihre Heilsversprechungen, wie auch durch ihre Androhungen von Höllenstrafen der Menschheit entgegen. So flackern Kriege, Konflikte und Verbrechen immer wieder auf und brennen lichterloh, wen wundert’s?

Am Ende unserer kurzen Zeitreise angelangt, lassen wir die Bilder und die Eindrücke unseres Ausflugs Revue passieren. Was bleibt? Es bleibt die ausdrückliche Bestätigung unseres unbändigen Tatendrangs auf unserem Weg mit beiden Händen anzupacken und mitzuhelfen, um diese Welt einen immer besseren Ort für alle Lebewesen werden zu lassen. Dieser vernünftige und wahre Weg, der gleichzeitig unser oberstes Ziel darstellt, ist immer nur der, den wir als solchen durch globale Verständigung verabreden, auf Grund seiner Bewährung und Bestätigung in der Welt.

Eine schöne Osterzeit wünscht

Michael „Horatio“ Bamberger

Michael Bamberger (57), Kaufmann, in Schweden als Sohn Jüdischer, beziehungsweise Christlicher Eltern geboren; lebte und arbeitete nach der Ausbildung in der Schweiz in New York und in London. Heute lebt er mit seiner Lebensgefährtin in der Innerschweiz, wo er arbeitet, malt und schreibt.

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