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St.Anna



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Die Liebe

(Predigt vom Sonntag, 21. Janaur 2007)

Wenn man die Lesungstexte über die Liebe gehört hat, könnte man annehmen, vielleicht etwas Schönes und Erbauliches über die Liebe gesagt zu bekommen!? Natürlich könnte ich das – und ich denke, die meisten von Ihnen wissen das auch! Aber ich tue es heute nicht. „Weil er es einfach nicht lassen kann“ – werden einige sagen. Das stimmt.

Ich kann es nicht lassen. In diesem Bereich sehe ich mich ganz in der Nachfolge Jesu. Auch er konnte es nicht lassen, die Mächtigen zu kritisieren, Heuchelei aufzudecken, und immer auf der Seite dessen zu stehen, der jetzt seine Hilfe gebraucht hat. Jesus hat seinen Mund nicht gehalten und er hat Missstände beim Namen genannt.

Ich bitte Sie, stellen Sie sich nur einmal vor, Jesus wäre auf dem Platz vor jener Kirche gestanden, auf dem der Sarg des Piergiorgio Welby stand, zusammen mit der Witwe, der Familie und den Freunden des Verstorbenen. Die Kirchentüren bleiben verschlossen, weil ein Arzt dem Leiden des schwerstkranken Mannes nach jahrelangem Bitten und Flehen ein Ende bereitet hat. Dann kommt Bischof Koch daher und erklärt der Trauerfamilie, warum dem Verstorbenen die gewünschte kirchliche Beerdigung verweigert wird (die Erklärung Kochs findet sich in einer Stellungnahme vom 10.Januar und ist im Internet unter diesem Link (pdf) nachzulesen).

Liebe Trauerfamilie, nach „einer schwerwiegenden Güterabwägung“ mussten wir dem Wunsch des Verstorbenen nach einer kirchlichen Trauerfeier eine Absage erteilen. Denn es darf in der Öffentlichkeit nicht der Eindruck entstehen, „dass auch die katholische Kirche in bestimmten Fällen aktive Euthanasie befürworte oder zumindest toleriere.“ Ich versichere Ihnen aber.., „dass die Kirche selbstverständlich für die Ewige Ruhe des Toten betet und Anteil nimmt am Schmerz der Angehörigen.“ Ich bin sicher, Jesus hätte ähnlich reagiert wie ich:

  1. Ihm hätte sich der Magen umgedreht.
  2. Er hätte den Mund nicht gehalten.
  3. Er hätte in etwa folgendes gesagt: „Schämst Du Dich nicht? Weg von mir, mit Euch habe ich nichts mehr zu schaffen!“
Jesus war Praktiker und kein Theoretiker!

Wenn ihm ein Kranker begegnet ist, hat Jesus ihm geholfen – Sabbat hin oder her! Es war ja verboten, am Sabbat zu heilen. Das war Gesetz! Jesus hat geheilt und gesagt: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat!“ (Mk.2,27). Jesus hat nicht herum studiert und theoretisiert, was da wohl passieren könnte, und wie er in der Öffentlichkeit da stehen würde, wenn er das Gesetz bricht und einen Menschen heilt. Der konkrete Mensch in seiner Bedürftigkeit und Not zählt zuerst – nicht ein Gesetz, das dem nicht Rechnung trägt.

Die röm.-kath. Hohenpriester und Schriftgelehrten sind seit langem Sklaven ihres eigenen Kirchenrechts geworden, genauso wie der Grossteil der Priesterschaft und Gesetzeslehrer zurzeit Jesu. Es war auch Gesetz, Ehebrecherinnen – nicht Ehebrecher! – zu steinigen. Jesus kam gerade rechtzeitig zu einer solch beabsichtigten Steinigung. Er hat den Mund nicht gehalten. Es ist einer seiner bekanntesten Aussagen, die er den Steinigern gegenüber gemacht hat:

„Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!“ (Jo.8,1-7).

Damit hat er ihnen den Wind aus den Segeln genommen.

Jesus hat den Mund nicht gehalten. Nicht nur einmal, sondern viele Male hat er dem damaligen kirchlichen Establishment die Leviten gelesen:

„Weh euch Gesetzeslehrern! Ihr ladet den Menschen Lasten auf, die sie kaum tragen können, selbst aber rührt ihr keinen Finger dafür“ (Lk.11,46). Und an anderer Stelle ruft Jesus ihnen zu: „Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten. Warum könnt ihr dann nicht die Zeichen dieser Zeit deuten?“ (Lk.12,56).

Genau darum geht es schon seit vielen, vielen Jahren. Kaum einer der hohen kirchlichen Herren vermag die Zeichen der Zeit zu deuten. Und selbst wenn, traut sich kaum einer, den Mund auf zu machen, weil er sonst von den noch höheren Herren abserviert wird. Sie nehmen in Kauf, dass die Menschen in Scharen die Kirche verlassen, weil diese in einem fernen Zeitalter hängen geblieben ist.

Ich habe Ihnen gesagt, wo ich mich in der Nachfolge Jesu sehe. Ich möchte Ihnen nicht verschweigen, wo ich mich nicht in der Nachfolge Jesu sehe, nämlich in jener Liebesfähigkeit, die ihm zueigen war. Ich tröste mich damit, dass es kaum Menschen gibt, die Jesu „neues“ Gebot tatsächlich leben: „Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ Aber vielleicht wachse ich doch noch allmählich in die jesuanische Art der Liebe hinein…

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