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Wenn nötig, gegen Rom

Frank A. Mayer im Sonntagsblick vom 02.12.2006

Der Papst verneigt sich gen Mekka. Der Papst besucht die Blaue Moschee. Der Papst bietet dem Islam den Dialog an.

Auf den Titelseiten der Papst. In den Nachrichten-Sendungen der Papst. In den Feuilletons der Papst.

Der Papst, der Papst, der Papst.

Wer ist der Papst? Was vertritt der Papst? Für wen spricht der Papst?

Die Papst-Show in der Türkei erweckt den Eindruck, es verhandle der Bischof von Rom für den Erdkreis, es rede der Chef der Christenheit, es stehe der Pontifex maximus für die gesamte abendländische Welt.

Ist der Papst unser aller Papst?

Benedikt XVI. ist das Oberhaupt der katholischen Kirche. Weniger nicht. Aber auch nicht mehr. Muss man dies in Erinnerung rufen? Man muss!

Wenn Benedikt XVI. dem Islam den Dialog anbietet, dann ausschliesslich den Dialog mit der katholischen Kirche, sonst mit niemandem: nicht mit den Abermillionen Protestanten und nicht mit den Abermillionen Demokraten, denen das Musikgehör für alles Religiöse fehlt, wie Max Weber, der Klassiker der deutschen Soziologie, die bürgerliche Distanz zu den Religionen beschrieb.

Der katholische Kostümzauber verstellt den Blick auf die Politik, die sich hinter der päpstlichen Dialog-Rhetorik verbirgt: Rückeroberung religiösen Terrains in der säkularen westlichen Welt.

Das Dialog-Angebot an den Islam entspringt auch dem Wunsch nach einem Bündnisgenossen im Kampf um mehr Religiosität in unserer Alltagswelt. Kruder ausgedrückt: Es geht um die Rückeroberung von kirchlichem Einfluss auf das weltliche Geschehen, also um die Rückeroberung gesellschaftlicher Macht.

Es ist bereits Konsens in allen Feuilletons, dass unsere Zeit und unsere Welt der religiösen Renaissance bedürfe. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" beschwor Kurienkardinal Walter Kasper kürzlich den neuen Glaubens-Zeitgeist: "Die Konflikte in der globalen Welt zwingen die Christen, zusammenzurücken und ihre Gemeinsamkeiten gegenüber der islamischen, aber auch der säkularisierten Welt zu entdecken."

Genau das ist die Strategie: Den Islam zu nutzen, um gegen die säkularisierte Welt des Westens zu mobilisieren.

Was ist diese säkularisierte Welt, die der Vatikan seit jeher misstrauisch beäugt? Es ist die Welt all der Werte, die gegen die Kirche – gegen die katholische Kirche! – erstritten werden mussten: Freiheit des Individuums, offene Gesellschaft, Demokratie, Rechtsstaat, Gleichberechtigung der Frau.

Am Anfang war die Reformation: Luther befreite die Gläubigen von der Bevormundung durch Klerisei und Kirchenmacht. Der ketzerische Mönch aus Wittenberg drückte den Menschen die von ihm übersetzte Bibel in die Hand, auf dass sie Gottes Wort selbst studierten. Es war der erste Schritt auf dem Weg zum selbstbestimmten Bürger.

Ohne Reformation wäre die christliche Welt noch dort, wo heute der Islam steht: Verpuppt in obskurante Theologie, bevormundet durch machtverliebte Religionsfunktionäre, zurückgeblieben in Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur.

Der Reformation folgte die Aufklärung – auch sie gerichtet gegen die katholische Kirche. Der Aufklärung folgte die Französische Revolution – gegen die katholische Kirche. Der Französischen Revolution folgte die bürgerliche Demokratie – gegen die katholische Kirche.

Bis tief ins 20. Jahrhundert wehrte sich der Vatikan mit den Heerscharen seiner Kleriker gegen Liberalismus und Demokratie. Stets kollaborierte er mit den Diktatoren der abendländischen Welt, von Hitler über Mussolini und Franco bis Pinochet. Die Bischöfe segneten Folterer überall in der Welt – und demütigten Befreiungstheologen, die sich Ausbeutung und Diktatur widersetzten.

100 Jahre war der Klerikalfaschismus das Rezept des Vatikans gegen den Liberalismus mit seiner freien – libertären – Gesellschaft. Hat sich die katholische Kirche mit dem Konzil von Johannes XXIII. unwiderruflich zu Demokratie und Rechtsstaat bekannt?

Die Kirche Benedikts XVI. ist ein autoritäres Gebilde, das zu den demokratischen Rechten und Pflichten der säkularen Gesellschaft ganz und gar im Widerspruch steht. Können wir einer solchen Hierarchie, über Jahrhunderte durchgetrotzt, demokratisches Vertrauen entgegenbringen?

Die Antwort des Vatikans auf den Islam: mehr Religion! mehr Katholizismus! ist nicht die Antwort der modernen westlichen Gesellschaft – darf nicht die Antwort sein!

Zwar sind die Werte der modernen westlichen Gesellschaft christlich inspiriert und grundiert – von der Freiheit des Individuums bis zur Gleichberechtigung der Frau. Nur im abendländischen Kulturkreis haben sich Demokratie und Rechtsstaat durchgesetzt. Nur hier ist der Mensch, unbesehen von Herkunft, Geschlecht, Rasse und Religion, auch selbstbestimmter und mitbestimmender Bürger. Das alles hat mit dem christlichen Erbe viel zu tun.

Dieses Erbe gilt es zu verteidigen: gegen den Islam, gegen alle, welche die Zeit zurückdrehen möchten. Wenn nötig, auch gegen Rom.

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