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Der Patriarch

Das Angebot des Patriarchen

Vor kurzer, kurzer Zeit soll sich folgende Begebenheit im Land der Helvetier zugetragen haben:
Ein Vater drohte seinem Sohn: "Wenn du diese Frau heiratest, betrete ich dein Haus nicht wieder und alle Türen meiner Firma bleiben dir verschlossen." Welches die wirklichen Gründe waren, die den Vater zu dieser massiven Drohung veranlassten, das ist bis heute nicht erwiesen. Der Sohn jedenfalls heiratete diese Frau. Der Vater setzte seine Drohung in die Tat um. Die Jahre vergingen. Der Sohn kommt mit seinem kleinen genossenschaftlichen Unternehmen ganz gut über die Runden. Inzwischen hat er mit seiner Frau mehrere Kinder, zum Teil sind sie schon fast erwachsen. Nach all den Jahren meldet sich der Vater plötzlich bei der Familie seines Sohnes. "Ich bin bereit in euer Haus zu kommen, denn die Kinder liegen mir doch am Herzen. Voraussetzung allerdings ist: mein Sohn darf während meines Besuches nicht anwesend sein."

Der Familienrat tagt. Es dauert keine fünf Minuten. Die Entscheidung fällt einstimmig. Der Vater soll bleiben wo er ist. Als er diese Antwort erhält, empört er sich öffentlich und künstlich und erklärt aller Welt: "Ich habe der Familie meines Ex-Sohnes ein grosszügiges Angebot unterbreitet. Ich war bereit, auf sie zuzugehen, aber sie haben abgelehnt. Nun kann mir niemand mehr einen Vorwurf machen!" Irgendwie reagierte die Umwelt sehr zurückhaltend auf die Erklärung des Firmenpatriarchen. Das blieb sogar ihm nicht verborgen. Doch er hatte wunderbare Ratgeber: einen strammen Mönch - denn der Vater war ein frommer Mann, und einen listigen Anwalt - denn der Vater liebte die Macht. Wochen und Monate vergingen ….

Der Patriarch und seine Freunde

Die Ablehnung des patriarchalischen Angebots war selbstverständlich nicht nur einkalkuliert, sondern auch provoziert. So empörte sich der mönch`sche Ratgeber öffentlich und künstlich und sprach denn auch von einer "Provokation" - natürlich durch die Familie des Sohnes! Mittlerweile wurde der Sohn für Patriarch und Mönch immer mehr zu einem Ärgernis. Für den Patriarchen deshalb, weil dessen Imperium immer mehr Risse aufwies und zu zerbröseln begann, während der genossenschaftliche Betrieb seines Sohnes immer besser florierte. Das Ärgernis für den Mönch bestand darin, dass der Sohn es einmal gewagt hatte, öffentlich das auszusprechen, was die meisten Menschen über den angeblichen Bettelbruder dachten, wodurch dieser sich zutiefst in seiner Eitelkeit verletzt fühlte. Patriarch und Ratgeber versuchten nun gemeinsam Seilschaften zu knüpfen, mit deren Hilfe sie sowohl den genossenschaftlichen Betrieb des Sohnes, als auch ihn selbst zerstören konnten. Und wie wir alle wissen, unterhalten die Mächtigen dieser Erde keineswegs nur in Diktaturen, sondern auch in Demokratien sehr gute Beziehungen untereinander. Ein Beispiel fand sich erst vor kurzer, kurzer Zeit im Nachbarland. In einem der grössten Wirtschaftsprozesse, in dem es um ungeheure Abfindungen an Manager ging, sassen auf der Anklagebank nicht nur ein Banker und andere Manager, sondern auch ein Gewerkschaftsboss. Es versteht sich also von selbst, dass unser einheimischer Firmenpatriarch über ausgezeichnete Verbindungen verfügte, bis hin zu Regierungskreisen. Und siehe da, selbst in einer demokratisch gewählten Regierung scheint der eine oder die andere zu sitzen, die sich mehr einem Patriarchen verpflichtet fühlt, als der Mehrheit des Volkes. Das funktioniert zuweilen ganz gut, vor allem, wenn es sich um Themen handelt, die das Volk - zumindest einen grossen Teil davon - kaum bis nicht interessiert. Da schaut das Volk nicht so genau hin, und mit ihm sogar die Medien. Dann kann es durchaus passieren, dass ein Politiker, der vor einem Patriarchen den Bückling macht, auf ganz demokratische Weise in die Regierung gewählt wird.

Inzwischen wurde dem Sohn mehr und mehr bewusst, was den Vater und seine Ratgeber vor Jahren so masslos erzürnte. Es ist mit einem Wort gesagt: "Majestätsbeleidigung"!

Der Patriarch und die Eitelkeit seiner Ratgeber

Ein Mönch, der Luxusautos fährt und massgeschneiderte Anzüge trägt, wirkt als Mönch bei den Leuten nicht gerade überzeugend. Steckt im Anzug und sitzt im Auto dann noch eine Art Prototyp der Arroganz, wird der Mönch dadurch nicht überzeugender. Kritisiert er zudem öffentlich gewisse Beziehungsformen, lebt diese vereinzelt aber selbst im Verborgenen, ist es mit der Glaubwürdigkeit völlig dahin.

Doch der Mönch ist mit allen Wassern gewaschen. Obwohl er in früheren Zeiten selbst am Stuhl des einen oder anderen Patriarchen gesägt hat, ist er bislang sogar den Medien immer wieder entkommen. Insofern ist er durchaus ein idealer Ratgeber für einen etwas unbeholfen wirkenden Patriarchen, welcher erst in jüngster Zeit ein Kommunikationstraining absolvierte (ein zweites ist noch nötig und im Gange).

Eine der grossen Schwachstellen des Mönches ist seine Eitelkeit. Seine theoretische wie auch praktische Doktorarbeit trug den Titel: "Von der Gefühllosigkeit moderner Inquisitoren". Da der Sohn des Patriarchen den Eindruck hatte (und dies öffentlich zum Ausdruck brachte) dass der Mönch über sich selbst promovierte, erregte er den unversöhnlichen Zorn des Gottesmannes aus der "Kongregation der unbarmherzigen Schwestern". Auch der eine oder andere Co-Ratgeber fühlte sich düpiert. Und so wurde aus der Majestätsbeleidigung eine Majestätenbeleidigung, wie einer der Co-Ratgeber dem Sohn unter vier Augen gestand.

Dann war da noch der listige Anwalt. Ihm scheint es vor allem um Publicity zu gehen. "Hauptsache, mein Name erscheint in der Zeitung"? Denn bevor Dr. Listig zum Ratgeber unseres Firmenpatriarchen aufstieg, bot er seine Dienste dem Sohn an. Dieser lehnte jedoch ab. Ob es etwas mit gekränkter Eitelkeit zu tun hat, dass er mir nix, dir nix die Seiten wechselte? Oder hat es damit zu tun, dass ein Wendehals den anderen anzieht? Oder beides? Jedenfalls hat sich ein recht frommes Team gefunden, das mit aller Härte des Gesetzes gegen Majestätsbeleidigung vorgeht.

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