Kirchgemeinde Röschenz

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St.Anna



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Preisverleihung der Herbert-Haag-Stiftung am 20.03.2006 in Luzern

Nationalräting Rosmarie Zapfl-Helbling, CVP/ZH:
Laudatio auf die Kirchgemeinde Röschenz

Röschenz im Spiegel von Nächstenliebe und Toleranz

Es ist für mich eine sehr grosse Ehre, die Laudatio auf die Preisträgerin, die Kirchgemeinde Röschenz zu halten. Eine Kirchgemeinde, die als demokratische Instanz mit der hierarchischen Kirche im Streit liegt. Wenn sich innerhalb der Kirche ein solcher Streit ausweitet, ein Weg zu einem Konsens sich nicht findet, dann ist die katholische Welt in der Schieflage.

Menschen, die mir an die Hundert Briefe, Karten und Mails geschrieben haben, brachten mir in den vergangenen Wochen die Befindlichkeit des Kirchenvolkes hautnah entgegen. Die Leute klagen, wie weit die Hierarchie vom tatsächlichen Leben entfernt ist. Hauptaussagen: Die Bischöfe regieren weit weg vom Volk, Versöhnung wird gepredigt jedoch nicht vorgelebt, die Kirche hat sich in eine Sackgasse hineinmanövriert. Und die ganz grosse Frage ist: Wo ist die Nächstenliebe, die uns Jesus verkündet und praktiziert hat und wo lebt die Toleranz, ein Wert unserer Demokratie?

Wir leben in einem Land, in dem die landeskirchlichen Strukturen fest verankert sind und nicht denjenigen entsprechen des 19. Jahrhunderts entsprechen, denen von einzelnen Kirchenrechtlern noch heute nachgetrauert wird. Die heutige amtskirchliche Struktur ist mit seinem Zentralismus ein letztes Ueberbleibsel absolutistischer Monarchien. Kirche ist demnach vor allem Papst, die von ihm ernannten Kardinäle und Bischöfe. Diese Ordnung widerspricht dem Evangelium in dem Jesus die Herrschaft über andere verurteilt. Viele SeelsorgerInnen in unserem Land wollen, dass das Evangelium in der eigenen Kirche realisiert wird, zugunsten der Menschen die zu ihrem Glauben stehen. Sie sind offen für die Realität des Lebens. Sie gehen damit Risiken ein und wir verlieren immer mehr Priester und Seelsorger in unseren Gemeinden die das Wort Gottes so verkünden damit die Menschen im Alltag davon profitieren. Im Konzil hat sich das dann durchgesetzt, was lange bekämpft wurde: Kirche ist das gesamte Volk Gottes, das vom Geist Gottes geleitet in der Nachfolge Jesu seinen Weg durch diese konkrete Welt sucht und geht. Eine Amtskirche, die sich immer weiter vom Volk Gottes entfernt darf sich nicht wundern, wenn dieses Volk den Kirchen fernbleibt.

Wenn die Röschenzer Katholiken um ihren Pfarrer kämpfen, wollen sie nichts anderes, als weiterhin ihr christliches Gemeindeleben praktizieren. Diese Gemeinde will nicht die Kirche reformieren. Sie hat jedoch verstanden was zum Wesen der Kirche gehört. Sie hat vom Evangelium her die Pflicht, ihr Gemeindeleben so zu gestalten, dass sie den Auftrag Jesu für unsere Zeit möglichst gut erfüllen kann. Die Zukunft der Katholischen Kirche hängt davon ab, ob ihre Gemeinden aus mündigen, glaubensstarken , selbstbewussten und engagierten Christen bestehen, aus Frauen und Männer, die Toleranz und Nächstenliebe mit Leben füllen, aus Männer und Frauen die um die Botschaft des Evangeliums wissen,, dieses so verstehen wie es gemeint ist und es mit gesunder Urteilsfähigkeit in die heutige, moderne Welt umsetzten. Schliesslich haben Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit ihren Ursprung im Evangelium.

Röschenz bringt das Nebeneinander verschiedener und nicht aufeinander abgestimmter Rechtsysteme für die katholische Kirche der Schweiz ans Tageslicht. Auf der einen Seite die demokratisch organisierte öffentlich rechtliche Körperschaft, dem Staatskirchenrecht unterstellt, und auf der anderen Seite die hierarchisch organisierte Kirche, dem Kirchenrecht folgend. Die Schweizerinnen und Schweizer sind stolz auf ihre direkte Demokratie: Jede mündige Person hat das Recht, ihre Meinung kundzutun und in öffentlichen Angelegenheiten mitzusprechen und mitzuentscheiden. Das System der Kirchgemeinden entspricht der demokratischen, freiheitlichen Struktur, die in der Schweiz eine lange Tradition hat. In unsern Kirchgemeinden ist ein demokratisches Kirchenverständnis die Realität. Dieses entspricht auch in viel grösserem Masse den Schriften des Neuen Testamentes als das hierarchische. Die Kirche als Gemeinschaft steht vor grossen Herausforderungen. Alle in dieser Gemeinschaft engagierten setzen sich ein für deren Wohl, was eigentlich dem Vorbild der ersten christlichen Gemeinden entspricht. Rechte und Pflichten sind in dieser Gemeinschaft neu zu überdenken. Mitspracherecht wird der Prüfstein für die Zukunft unserer Kirche sein. Aufgrund des Demokratieverständnisses in unserem Land wird das Mitspracherecht nicht nur im administrativen Bereich eingefordert sondern auch dort, wo sie der Hierarchie vorbehalten sind. Konflikte sind damit unvermeidlich.

Dass im Fall Röschenz nun ein Rechtsverfahren eine Lösung der schwierigen Situation herbeiführen soll, ist bedauerlich. Eine gerichtliche Auseinandersetzung kann den innerkirchlichen Frieden nie mehr ganz herstellen in einer Gemeinde. Die Hoffnung besteht, dass mit einem Gespräch zwischen den Parteien, der Friede und die Ruhe in der Kirchgemeinde einzieht.

Demokratie braucht Nächstenliebe und Konflikte brauchen Toleranz. Toleranz bedeutet vom Wortsinn her ertragen. Und wie viel ist in dieser Situation noch zu ertragen? Wie viel ertragen die Menschen von Röschenz noch von dem, was die Amtskirche bietet? Und wie viel erträgt die Amtskirche noch? Toleranz in Verbindung mit der Nächstenliebe bedeutet, die eigene Meinung zu kennen und die Meinung anderer kennen lernen zu wollen. Erst dann finden sich Auswege aus solchen Situationen und Auswege sind jetzt von grosser Bedeutung. Und noch einmal: Mitspracherecht der Menschen, die die Kirche ausmachen und sie lebendig werden lassen, braucht es, um tolerante Nächstenliebe zu leben.

Mein Dank und mein Respekt gilt den Menschen in Röschenz, die immer wieder ihre Stimme erhoben haben, um mitzusprechen, um Auswege zu finden, um tolerante Nächstenliebe zu leben. Deshalb ist es mit eine Ehre hier zu sprechen und ich bedanke mich für ihren Einsatz für eine Kirche der gelebten Nächstenliebe.

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