Kirchgemeinde Röschenz

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St.Anna



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Preisverleihung der Herbert-Haag-Stiftung am 20.03.2006 in Luzern

Holger Wahl, Präsident des Kirchgemeinderates Röschenz:
Dankesrede

Liebe Freunde,

Sie können sich kaum vorstellen, was Sie den Menschen in unserem Dorf mit dieser Anerkennung und mit Ihren Worten für eine Freude bereiten. Denn eine Sache vor allem hat viele von uns belastet:
unsere eigene Kirche hat uns verlassen.
Nicht der Bischof, den nimmt niemand in Röschenz noch besonders ernst, nein, Kirchenräte, Pastoralkonferenzen, Synoden, Pfarrer, kurz alle, die sich für so wichtige Organe des Leibes Christi halten. Wir kamen uns vor wie der amputierte Blinddarm dieses Leibes.

Dass Menschen wie Sie, die unserer Kirche nahe stehen, uns ehren, unsere Bemühung um den Fortbestand unseres Kirchenlebens ernst nehmen, das bedeutet uns sehr viel. Vielen Dank.

Allerdings habe ich gestern noch einmal die Briefe unserer Bistumsleitung studiert, damit ich auch genau weiss, was ich hier sagen darf. Und so muss ich Sie selbstverständlich erst einmal tadeln, mit den Worten des Bischofs oder seines Generalvikars:
Wie können Sie es wagen, eine Gemeinde auszuzeichnen, die sich dem ausdrücklichen, unausweichlichen Entscheid des Bischofs widersetzt? Zeugt dies nicht von einer fehlenden Sensibilität für das römisch-katholische Kirchenverständnis im Allgemeinen und unserem Bischof im Speziellen? Schämen Sie sich denn überhaupt nicht dafür, noch dazu in Anwesenheit dieser… "Exekutionsjournalisten"?

Aber wahrscheinlich geht es Ihnen auch so, wie unser aller Generalvikar Roland B. Trauffer uns schriftlich wissen liess (Zitat):

"Erneut konnte ich feststellen, dass Ihnen an einer Aussprache sehr gelegen ist, Sie aber Mühe haben, unsere grundsätzlichen Erwägungen und insbesondere die Rückmeldung zu verstehen". (Zitat Ende)

Wir sind halt einfach zu dumm. Und natürlich vollkommen unsensibel.

Dafür jedoch teilen Sie mit uns etwas ganz anderes, etwas, das unserer Kirchenleitung offensichtlich vollkommen fremd ist:

Ein zutiefst christliches Kirchenverständnis.
Ein grundlegend demokratisches Rechtsverständnis.
Und ein Gewissen.

Beginnen wir mit dem christlichen Kirchenverständnis

Sie, liebe Stiftungsratsmitglieder und Freunde, ehren uns für die Art und Weise, wie wir den Konflikt gehandhabt haben. Sie ehren sich aber gerade dadurch noch viel mehr selbst!
Denn von Seiten kirchennaher Kreise haben wir bisher kaum Unterstützung erfahren. Und wenn, dann oft mit der Bitte, dies nicht öffentlich zu machen, aus Angst vor Konsequenzen.

Sollen das die Christen sein, die sich Jesus zum Vorbild nehmen?

Unseren Kindern können wir schon lange nicht mehr klarmachen, was Zivilcourage, Liebe, Vergebung, Menschlichkeit, was Jesus mit dieser Kirche zu tun hat. Wir sollen gehorchen, weil der Bischof das sagt. Amen. Ist der Bischof Kirche? Sind wir nur seine Untertanen, seine Schafe, die zu zahlen und zu gehorchen haben?

WIR sind Kirche. WIR sind verantwortlich für den Fortbestand des Glaubens in unserem Dorf, unserer Gemeinde, unseren Familien. Und WIR lassen nicht zu, dass im Jahr 2006 nach Christus der Mensch wieder dem Sabatt dienen soll, und nicht der Sabatt dem Menschen.

Damit kommen wir zum Rechtsverständnis

Es ist eigentlich ein Witz: die kleine Schweiz setzt die Gründung eines Menschenrechtsrates in der UNO durch. Unsere Kirche feiert sogar diese Menschenrechte, gerade gestern.
Und gleichzeitig werden in Röschenz die grundlegendsten demokratischen Regeln durch dieselbe Kirche mit Füssen getreten.

Das kanonische Recht hat sich wie ein Krebsgeschwür in unserem Land festgesetzt. Wir erkennen es in unserer Landeskirchenverfassung an, obwohl es in wesentlichen Teilen nicht nur unserer Bundesverfassung widerspricht, sondern grundlegenden Menschenrechten.

Sie ehren uns, weil wir uns verfassungsgemäss und rechtlich korrekt in diesem Konflikt verhalten haben. Das Landeskirchenrecht hat es überhaupt möglich gemacht, dass wir uns gegen die Diktatur der Bistumsleitung wehren können. Es ist eine Brücke, eine Hilfskonstruktion, um unser demokratisches Rechtssystem und das mittelalterliche Kirchenrecht zu verbinden. Oder besser: ein Schleier, eine Milchglasscheibe, mit deren Hilfe die Verfassungswidrigkeit des Kirchenrechtes unter dem Deckmantel der Glaubensfreiheit vor den Augen des Volkes verborgen wird.

Es wird der Tag kommen, an dem wir auch gegen unsere Landeskirchenverfassung verstossen müssen, wenn wir unserer Bundesverfassung, den Menschenrechten und vor allem unserem Gewissen treu bleiben wollen. Nämlich spätestens dann, wenn ein Entscheid nicht auf der Basis unserer Verfassung und der allgemein gültigen Menschenrechte gefällt wird, sondern auf Grund der Anerkennung diktatorischen Kanonischen Rechtes.

Damit sind wir beim Gewissen.

Man mag über unseren Pfarrer geteilter Meinung sein. Er ist kein einfacher Mensch.
Aber: er hat unserem Dorf viel gegeben, er hat eine gespaltene Kirchgemeinde wieder geeint, er hat Menschen zum Glauben gebracht, die zuvor allenfalls glaubten, nichts zu glauben, er begeistert die Kinder für christliche Grundwerte, er hat unsere Kirche wieder zu aktivem Leben erweckt.

Wir sind seine Arbeitgeber. Und wir sollen jetzt gezwungen werden, unserem Angestellten zu kündigen. In dem vollen Bewusstsein, dass wir damit einem Menschen, der uns viel gegeben hat, dem wir nichts vorzuwerfen haben, die Existenzgrundlage entziehen. Einem Menschen, dem von der Bistumsleitung, der er Treue und Gehorsam gelobt, mit moralisch verwerflichem Mobbing seit Jahren das Leben zur Hölle gemacht wird.

DAS IST VOR UNSEREM GEWISSEN NICHT MÖGLICH!

Röschenz wird sich allein rechtlich nicht lösen lassen. Und es wird weitere Röschenz geben, es ist nur eine Frage der Zeit. Falls, ja falls es dann überhaupt noch genug Katholiken gibt, die sich für ihre Kirche einsetzen.

Denn es ist kein Problem Röschenz. Es ist ein Problem Solothurn. Ohne Röschenz käme die Kirche gut zurecht. Wenn sich jedoch in Solothurn nichts ändert, dann wird unsere Kirche im Bistum Basel, aber auch in anderen Bistümern, einmal ganz anders aussehen.

Echte Versöhnung kann unser Problem kurzfristig lösen. Echte Versöhnung, das heisst, erst den Schaden wieder gutzumachen, und dann zu versuchen, miteinander klar zu kommen. Echte Versöhnung bedeutet Vertrauen. Derzeit sollen wir uns noch versöhnen, indem wir den Zustand erst einmal akzeptieren, wie er ist. In anderen Worten: unser Pfarrer soll gehen, dann können wir uns versöhnen.

Keine gute Idee. Nicht mit uns.

Langfristig wird eine römisch-katholische Kirche als Volkskirche in Mitteleuropa nur überleben, wenn sie ihre Rechtsgrundlage erneuert. Wenn Menschenrechte, Mitsprache der Basis und vor allem eine klare Trennung der Gewalten das jetzige monarchistische, von Repressalien und Willkür geprägte System ablösen.

Ihr Leben, Ihre Arbeit, Herr Professor Küng, haben Röschenz wesentlich beeinflusst. Es sind einige unter uns, die schon vor 30 Jahren Ihre Bücher vorwärts und rückwärts gelesen haben. Ohne Ihre Arbeit wäre ich nicht in diesem Amt. Denn das Wichtigste, was Sie, alle hier, vielen Menschen mitgegeben haben und weiterhin mitgeben, ist eine Gewissheit: die Gewissheit, dass Menschlichkeit, dass Mut, dass Geradlinigkeit etwas verändern können. Werte, für die wir in Röschenz einstehen, so gut wir das eben können.

Ich danke Ihnen allen im Namen unserer Gemeinde.

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