Kirchgemeinde Röschenz

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St.Anna



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Predigt vom 10.04.05, "Machtmissbrauch"

(Wir weisen darauf hin, dass die nachfolgende Predigt so abgedruckt ist, wie sie am Sonntag vor der ausserordentlichen Kirchgemeindeversammlung gehalten wurde. Es handelt sich daher um ein zeitgeschichtliches Dokument, dessen Inhalt im Zusammenhang mit den Vorgängen um die unserer Meinung nach ungerechtfertigte Absetzung unseres Pfarrers gesehen werden muss.)

"Eure Ältesten ermahne ich: Sorgt als Hirten für die euch anvertraute Herde Gottes...
Seid nicht Beherrscher eurer Gemeinden, sondern Vorbilder für die Menschen!" (1.Petr. 5,2f.)

"Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein!" (Mk. 10,42f.)

Was ist demnach die vornehmste Aufgabe der Hirten der Kirche, also von Papst und Bischöfen?
Ich meine, ihre vornehmste Aufgabe ist die: Repräsentanten Jesu zu sein.

Das heisst vor allem, seine Menschenfreundlichkeit und Güte sowohl in ihrem Amt und erst recht in ihrer Person zu verkörpern. Schauen wir in die Geschichte, dann müssen wir feststellen, dass genau das eine ganze Reihe von Päpsten und Bischöfen nicht getan hat. Sie sind alles Mögliche geworden:
Diktatoren, Landes- und Feldherren, Manager, Moralapostel, Richter, Gelehrte, ja sogar Volksverhetzer, wenn wir an die Kreuzzüge gegen die Ungläubigen denken oder an den Umgang mit den Juden. Erst 1959 hat der menschenfreundliche Papst Johannes XXIII. die Fürbitte für die "treulosen Juden" aus der Karfreitagsliturgie gestrichen, wegen ihres beleidigenden Charakters. Und es war Johannes Paul II., der sich erst vor wenigen Jahren bei den Juden entschuldigt hat. Pius IX. dagegen "der Unfehlbarkeitspapst" hat noch 1864 im Rundschreiben Quanta cura, selbst die Forderung nach Gewissens- und Religionsfreiheit als unvereinbar mit der kirchlichen Lehre erklärt.

Wahre Hirten, die den Menschenfreund Jesu glaubhaft repräsentieren, finden sich selten. Dieser Umstand zeigt die eigentliche Misere der röm.-kath. Kirche.

Darin liegt einer der tiefsten Gründe für ihre ständig zunehmende Unglaubwürdigkeit und dem daraus folgenden Exodus der Menschen aus der Kirche vor allem in der westlichen Welt. Die anderen Länder werden über kurz oder lang folgen. Denn ein Grossteil der Kirchenführer repräsentiert schon lange nicht mehr Jesus. Dieser ist in einem Stall geboren, als Sohn eines Zimmermanns. Jesus war bei den Menschen auf der Strasse. Er war eben bei den Menschen und mit ihnen. Er hat zuweilen nicht gewusst, wo er schlafen wird. "Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann" heisst es bei Matthäus 8. Und er hat genau das gemacht, was ihm und vielen nach ihm zum Verhängnis wurde: Er hat die damalige religiöse Führung scharf kritisiert, und zwar vor allem deren Heuchelei. Es ist heute nicht anders!

Die meisten unserer heutigen katholischen Kirchenfürsten sind weder bei noch mit den Menschen; geschweige denn, dass sie ihr Leben kennen und teilen oder gar verstehen. Sie senden ihnen "Lehrschreiben" und sogenannte "apostolische Verlautbarungen" und "Rund- und Hirtenbriefe" oder teilen ihnen ab und zu einmal mit, wie der hiesige Stabträger, was sie "bewegt". Und das sollen Hirten sein, die bei ihrer Herde sind?!?

Sie verschanzen sich in ihren Trutzburgen, hinter den Mauern des Vatikans oder in ihren bischöflichen Palästen. Einige umgeben sich mit Duckmausern und Intriganten und senden den Bannstrahl oder das Berufsverbot gegen alle, die es wagen, sie dort zu kritisieren, wo sie am verwundbarsten sind.

Sie repräsentieren keinen Jesus, wie ihn die Bibel schildert. Sie zelebrieren sich selbst und ihren absoluten Machtanspruch. Wehe, jemand stellt sie oder ihre Glaubwürdigkeit in Frage!

Einer, der sich besonders hervortut, die "Froh-Botschaft" Jesu in eine "Droh-Botschaft" umzukehren, sitzt auf dem Bischofsstuhl in Solothurn. Ihm zur Seite sitzt der Mönch Trauffer, der sich selbst als "Hardliner" bezeichnet und sich aufgemacht hat, in Röschenz aufzuräumen. Im Namen des Bischofs! Der Kirchgemeinderat, geschweige denn die Röschenzer, wurden weder gefragt noch gehört. Es spielt keine Rolle, was sie denken und wollen. Sie haben nur eins zu tun: zu gehorchen!

Und das versucht man ihnen noch so zu verkaufen, dass es nur zu ihrem eigenen Wohl sei! Der Mönch Trauffer scheint zunächst den Kirchenrat mitsamt den Gläubigen für Dorftrottel zu halten. Der Herr Pater hat sogar versucht, den Kirchenrat zu kaufen! Wenn sie ihren Pfarrer gleich in die Wüste schicken, würde die bischöfliche Kasse die Kosten übernehmen. Und schliesslich bezeichnet der Mönch Trauffer einen seiner Kollegen vor versammelten Kirchenrat zweimal als "Idioten". Welch überzeugendes Vorbild gibt der Dominikanermönch Trauffer für seinen Orden und den Ordensstand ab?! Er darf auch immer noch als Stellvertreter jenes Bischofs fungieren, der vor kurzem gesagt hat, dass meine "Äusserungen nicht hinnehmbar seien"! Aber wer bin ich schon im Vergleich zum Herrn Generalvikar Pater Dr. Roland B. Trauffer?!? Dieser hat mir in seinem Rausschmiss-Schreiben gnädigst mitgeteilt, dass ich bis zum 30. September noch bleiben darf.
Allerdings nur unter der Bedingung, dass Sie sich in dieser Zeit gegenüber Bischof und Bistum loyal verhalten, was sich mit dieser Predigt wohl erledigt hat.

Ich möchte dazu sagen: Es widerspricht meiner tiefsten christlichen und humanitären Überzeugung, mich totalitären Systemen oder sich diktatorisch gebärdenden Personen gegenüber treu zu verhalten. Versteht man unter "loyal" allerdings "ehrlich", was "loyal" auch bedeutet, so ist es ja gerade das, was mir seitens der Bistumsleitung zum Verhängnis wurde. Ehrlichkeit ist nicht erwünscht, sondern vielmehr Duckmausertum und Heuchelei.

Wenn man allein in den letzten 15 Jahren mehr als 150 000 Austritte aus der röm.-kath. Kirche in der Schweiz ignoriert...
Wenn man Priester zu Bischöfen macht, die "nur" Gelehrte sind, aber keine Seelsorger...
Wenn man nur Strukturen für den eigenen Machterhalt um jeden Preis bewahren will, anstatt sich zu öffnen für demokratische Veränderungen...
Wenn man Kritik eines unliebsamen Pfarrers benutzt, um ihn loszuwerden, den eigenen Intimus und Vize aber ungestraft einen anderen "Idioten" nennen lässt...
Wenn man also den anderen Wasser predigt, selbst aber Wein trinkt...
Und wenn man vor allem, und das ist das Schlimmste, die Menschen und die eigenen Gläubigen über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte hinweg nicht ernst nimmt, dann hat man selbst die Lunte gelegt, den Widerstand provoziert, das Fass zum Überlaufen gebracht.

Liebe Gemeinde,
ich weiss, dass viele von Ihnen lieber eine andere Predigt hören würden.
Ich würde auch lieber eine andere halten. Damit dies aber wieder sein kann, müssen wir uns jetzt wehren. Ich habe dies getan und tue es immer noch.
Jetzt, und vor allem am Dienstag, sind Sie dran.
Wenn wir es nicht tun, ist es sicher vorbei und der Machtapparat der röm.-kath. Kirche hat, wie fast immer in seiner 2000-jährigen Geschichte, gewonnen.

Und der blühende Baum, als den ich unsere Gemeinde am Palmsonntag bezeichnet habe, wird umgehauen.

Das muss nicht sein!

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